B E S P I E L P L Ä T Z E

Alle DINGE sind dazu da, dass sie uns BILDER werden in irgendeinem SINN

R.M. Rilke

GÄSTEBUCH

KONTAKT

von Theo Fransz, Objektif Kulturzentrum Nürnberg, Premiere am 11. Oktober 2008

Regie: Ceyda Söyler

Es spielen: Ebru Akyildiz, Ceyda Keskin

»Mutti und Vati sagen, dass ich es jetzt in Ruhe lassen soll. ›Es‹.
Sie nennen dich ›Es‹. Weil sie deinen Namen nicht aussprechen
wollen. Weil sie Angst vor deinem Namen haben. Darum bin ich
ihnen auch so unheimlich. Weil ich deinen Namen ausspreche.
Weil ich keine Angst vor deinem Namen habe. Weil ich deinen
Namen die ganze Zeit sage: ›Zus, Zus, Zus dies… Zus hier, Zus
da.‹ Das ertragen sie nicht. Sie wollen es vergessen, und ich will
das nicht. Weil… wenn ich dich vergesse, hat für mich alles
keinen Sinn mehr… «

Zus soll nicht weggehen. So will es Mathilde. Nacht für Nacht wird Mathilde von ihrer jüngeren Schwester Zus besucht. Die beiden streiten, spielen und machen Quatsch. Am liebsten spielen sie »Anfiesen« – das haben sie selbst erfunden. Diejenige gewinnt, die dabei das letzte Wort hat. Mathildes Eltern machen sich Sorgen. Mathilde spricht mit sich selbst. Sie soll zu jemandem gehen, dem sie alles erzählt, der ihr helfen kann. Denn leider haben die Eltern für das, was passiert ist, keine Worte.

Nach und nach merken wir: Zus ist tot! Vor genau vierzig Tagen ist sie verunglückt. Mathilde kommt über den Tod ihrer innig geliebten Schwester nicht hinweg, mehr noch, sie gibt sich die Schuld dafür. Sie war ja schließlich dabei, als alles passiert ist. Sie hätte es doch verhindern müssen! Die Bilder der traumatischen Situation lassen sie nicht los: Hilflos hat sie zusehen müssen, wie ihre Schwester von einem Zug erfasst wurde.

Mathilde braucht Zeit für ihre Trauer: Deshalb muss sie ihrer Schwester noch vierzig Nächte lang begegnen. In den gemeinsamen Gesprächen und Spielen verarbeitet Mathilde ihren Schmerz, ihre Angst, ihre Sehnsüchte und Schuldgefühle. Zus bringt sie dabei wie immer zum Lachen, macht sie wütend, lässt sie mit ihrer poetischen Erzählung von einer Existenz nach dem Tod staunen und spendet ihr Trost. Ein letztes Mal treffen sie zu Beginn des Stücks aufeinander. Noch einmal muss Mathilde die Szene an den Gleisen durchleben, um endlich loslassen zu können, um Zus so zu verabschieden, wie es ihr verwehrt blieb.

»Schwestern« behandelt ein bei uns vielfach tabuisiertes Thema. Es ist ein Plädoyer für die Erinnerung, gegen die Verdrängung der Toten, die den endgültigen Verlust bedeuten würde, die Geschichte des schmerzvollen Abschieds von einem geliebten Menschen.

 

 

           






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